Heute (Herr Kalteis, 07.03.2013) las ich in der Heidenheimer Zeitung einen interessanten Artikel: »Bus-Anzeige: An Blinde gedacht? «

 

Blinde Menschen möchten ihr Umfeld trotz des fehlenden Sehsinnes verstehen, sich informieren und von diesem sehenden Umfeld verstanden und wahrgenommen werden. Sie möchten so barrierefrei wie möglich, also nahezu wie normale Menschen leben. Dieses Anliegen ist gut nachvollziehbar.

 

Allerdings wirft dieser Artikel, der sehr einfühlsam auf die Bedürfnisse sehbehinderter Menschen und mögliche Lösungen eingeht, eine Frage in mir, einem hörbehinderten Menschen, auf: Warum werden im Gegensatz zu einer anderen Sinnesbehinderung meine fehlenden Sinne Hören und Sprechen um so vieles weniger anerkannt? Auch ich möchte verstehen, verstanden werden und mich informieren. Doch ich werde nicht einmal wahrgenommen, höchstenfalls als erschreckende Ausnahme.

 

Bitte lassen Sie mich diese Aussage mit folgendem Erlebnis untermauern:

 

Ich saß im Bus und versuchte, mich anderen Menschen verständlich zu machen. Das gelang mir nicht. Weil meine Stimme wegen meines fehlenden Hörsinns unverständlich klingt, war eine Anfrage bei anderen Insassen unmöglich. Ich schrieb meine Frage auf einen Zettel und zeigte diesen her. Doch die auf diese Art »Angesprochenen« erschraken wegen meiner stummen Geste und liefen weg, statt zu lesen und mir Auskunft zu geben.

 

Einmal verirrte ich mich in München und wollte Passanten um Hilfe fragen, doch auch diese halfen mir nicht und gingen fort, statt eine Verständigung wenigstens zu versuchen. Das war ein schlimmes Erlebnis.

 

Es ist richtig, dass eine akustische Ansage Blinden die Orientierung wesentlich erleichtert. Sie können sich akustisch ausdrücken, Insassen befragen und die Antwort verstehen. Im Falle einer Hörbehinderung ist dies überhaupt nicht so leicht zu bewerkstelligen. Wieso gibt es in der Wahrnehmung des nichtbehinderten Umfeldes eine solch unterschiedliche Reaktion, wieso weckt eine fehlende Stimme, ein Zettel, ein hörbehinderter Mensch Schreck und Ablehnung statt Zuwendung und wenigstens den Versuch einer Kommunikation?

 

Weil ein spontanes Zugehen auf hörende Menschen aus den genannten Gründen schwierig bis aussichtslos ist, benötigt ein hörbehinderter Mensch wie ich unbedingt eine lebenslange Hilfe, eine Stimme als Assistenz, um wahrgenommen, anerkannt und gleichberechtigt behandelt zu werden. Die offensichtlich höchste Hürde ist die äußere Gesundheit eines Hörbehinderten.

 

Wir sind nicht geistesbehindert, sondern geistig völlig gesund, nur sinnesbehindert. Dennoch werden wir wie geistesbehindert vom größten Teil des hörenden Umfeldes behandelt. Dazu gehört auch das Nichtanerkennen normaler Rechte, sogar das Beschneiden in unseren Rechten. Sogar die Verweigerung von Rechten, die bei hörenden Menschen gar nicht erst versucht wird, müssen wir bestreiten, langwierig und oft ergebnislos.

 

Ich möchte sehr gerne, dass Aufklärung im hörenden Umfeld unsere unsichtbare Sinnesbehinderung als gleichberechtigt gegenüber anderen Behinderungen ansieht, so dass uns Hörbehinderten die gleichen Hilfen wie anderen Behinderten ohne kommunikative und behördliche Hürden zugesprochen werden. Nur so können wir ein selbstbestimmtes, demokratisches Leben führen und einen nicht isolierten, integrierten Alltag führen.

 

 

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